Wenn der Jagdinstinkt erwacht – und was Karate uns darüber lehrt
Karate als Mittel der Selbsterkenntnis

Neulich machte ich im Training eine spannende Erfahrung, die mich noch Tage später beschäftigte. Beim freien Kämpfen mit einem meiner Schüler – es handelt sich nicht um die Person, die auf dem Bild zu sehen ist – verspürte ich plötzlich Lust, meinen Übungspartner unter Druck zu setzen und einen Treffer zu landen.
Mein Gegenüber war kleiner als ich und körperlich sowie technisch unterlegen. Er hatte Angst davor, getroffen zu werden, fuchtelte teilweise hektisch und wich jedem Angriff energisch aus (obschon wir im Training stets darauf achten, die Grenzen des Gegenübers zu respektieren). Seine Unsicherheit war unübersehbar. Und genau diese Angst schien in mir etwas auszulösen.
Dass Angst den Jagdinstinkt triggern kann, ist kein neues Konzept. Doch als rational handelnder Mensch würde man erwarten, dass man gerade nicht den Drang verspürt, einem unterlegenen Gegner nachzusetzen. Wozu auch? Fürs Ego? Das war es nicht. Es fühlte sich vielmehr an wie ein natürlicher Reflex – ein Impuls aus meinem Inneren.
Zum Glück bin ich geübt genug, solchen Impulsen nicht blind zu folgen. Stattdessen zeigte mir diese Situation einmal mehr, welcher Schatz in der Kampfkunst Karate verborgen liegt – ein Schatz, der sich allen öffnet, die bereit sind, nach ihm zu suchen. Wir müssen nach ihm suchen, den von alleine offenbart er sich uns nicht.
Wenn wir Karate als Lebensweg verstehen, um uns selbst zu erkennen und als Menschen zu wachsen, müssen wir mit Aufmerksamkeit durch das Training gehen. Dies gilt zweifelsohne auch für unseren Lebensalltag. Wir müssen jene Momente erkennen, in denen sich etwas in uns zeigt, aus dem wir lernen können – ein Gedanke, ein Reflex, ein Muster. Die Reflexion darüber ist kein Zusatz, sondern ein zentraler Bestandteil des Weges. Techniken, Partner, Training – all das sind Werkzeuge. Das eigentliche Ziel liegt tiefer.
Bei jeder Begrüssung verbeugen wir uns voreinander. Warum? Weil es ein Ausdruck von Respekt und Dankbarkeit ist.
Ein stilles: „Danke, dass du mir hilfst, weiterzukommen.“ „Danke, bist du hier, um mit mir diesen Weg zu gehen.“ Wozu sollten wir uns sonst verbeugen, wenn nicht aus Dankbarkeit? Und gibt es etwas Wertvolleres, als unseren Mitmenschen mit Dankbarkeit und Wertschätzung zu begegnen?
Karate kann von enormem Wert sein, um uns selbst zu erkennen und in eine ehrliche Beziehung zu uns selbst zu kommen. Dies erfordert Mut. Mut, den eigenen inneren Wahrheiten in die Augen zu schauen – auch jenen, die unangenehm sind oder uns irritieren.
Der Jagdinstinkt, der in mir aufstieg, reflektiert meine Innenwelt. Er spiegelt etwas tief in mir Verborgenes, und ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Dankbar, dass ich Karate-Dō praktiziere.







